The Humanities and Social Sciences Fund Conference titled

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Illustration: Eli (Elazar) Gilad

17

Symposium der internationalen Brecht Society (IBS)

Willkommen!

Das Thema des 17. Brecht-Symposiums—das erste seiner Art in Israel—behandelt Bertolt Brechts Antwort auf den Rassismus, die politische Unterdrückung und das Problem der Diktatur in einer Ära, die er selbst als “finstere Zeiten” bezeichnete. Wir wollen auch ästhetisch-politische Antworten auf die Ungleichheit, die Ungerechtigkeit und die Unterdrückung der Redefreiheit und der Bewegungsfreiheit in unseren eigenen “finsteren Zeiten” ansprechen, und wir wollen erörtern, ob Antworten auf diese Probleme in Brechts Erbe zu finden sind.

Welche Möglichkeiten für Protest, Widerstand und Auflehnung standen Brecht in den 1930er und 1940er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zur Verfügung? Wenn wir solche Möglichkeiten in Betracht ziehen, lässt sich ein brechtsches Erbe in der aktivistischen Kunst der Gegenwart ausmachen? Wie wird dieses Erbe heutzutage angegangen, sowohl in der Wissenschaft als auch durch künstlerisches Schaffen? Sind Brechts Theorie und Praxis immer noch beispielhaft für die Beziehungen zwischen Kunst und Ideologie und/oder zwischen künstlerischer Kreativität und politischer Aktion? Mit diesen Fragen wendet sich das Symposium an WissenschaftlerInnen, die sich mit dem Nachleben von Brechts Texten und Theaterarbeiten befassen, sowie an TheaterpraktikerInnen und -theoretikerInnen, die sich noch heute mit den Fragen auseinandersetzen, die Brecht selbst aufgeworfen hat.

Jenseits von Diskussionen über Brechts Widerstand gegen Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Gewalt wird das Symposium Vorlesungen, Gespräche, Arbeitssitzungen und Theateraufführungen anbieten, die dieses Erbe für unsere heutige Zeit befragen und aufnehmen. Ausgewählte Texte von Brecht werden studiert, um insbesondere bei jüngeren Forschenden und TheaterpraktikerInnen das Interesse an Brechts Theorie und Praxis erneut zu wecken.

Das wichtigste Anliegen dieses Symposiums besteht darin, dass es in Israel auf der höchsten wissenschaftlichen Ebene die einzigartige Möglichkeit anbietet, nicht nur die bekannten dramatischen Werke Bertolt Brechts—des wohl wichtigsten Theaterschriftstellers und -erneuerers, Denkers und Theoretikers des 20. Jahrhunderts—sondern auch die weniger bekannten aber sehr einflussreichen theoretischen Schriften zu erforschen und für unsere Zeit neu zu entdecken.

Freddie Rokem, Gad Kaynar-Kissinger, Ira Avneri

Mit großer Freude heiße ich Sie zum siebzehnten Symposium der Internationalen Brecht-Gesellschaft willkommen. Da es mitten in der weltweiten Corona-Pandemie stattfindet, die allzu vielen wissenschaftlichen und kulturellen Zusammenkünften und Veranstaltungen ein trauriges Ende brachte, ist dieses Symposium völlig anders als alles, was wir bisher erlebten.  Wir schulden den Organisatoren vor Ort, besonders Gad Kaynar Kissinger, Freddie Rokem und Ira Avneri, einen großen Dank dafür, dass sie mitten in der Krise unbeirrt mit der Planung des Symposiums, das sehr treffend Brecht in finsteren Zeiten heißt, einfach weitermachten. In der Tat leben wir in finsteren Zeiten, so wie Brecht auch in finsteren Zeiten lebte. Seine Arbeit spricht sowohl zu seinem eigenen Zeitalter als auch zu unserem. Auf dem Symposium erwarte ich leidenschaftliche Diskussionen und Debatten, so wie Brecht sich das gewünscht hätte. Aber auch im Einklang mit Brecht und seinen Einstellungen freue ich mich auf den beträchtlichen Genuss an Diskussionen, am geselligen Zusammensein, am Lernen, und auf erstklassige theatralische und kulturelle Ereignisse, wie auch hoffentlich auf gutes Wetter und noch besseres Essen. Schließlich war es ja Brecht, der “bequeme Schuhe”, den “Hund”, “begeisterte Gesichter”, “Reisen” und “freundlich sein” zusammen mit “Dialektik”, “Schreiben” und “Begreifen” als einige der großen Vergnügungen des Lebens bezeichnete. Zu den großen Vergnügungen, die ich von diesem Symposium erwarte, gehört die einfache Freude darüber, dass wir miteinander zusammen sein dürfen, dass wir voneinander lernen dürfen, und dass wir uns in leidenschaftlichen und hoffentlich konstruktiven Gesprächen in der realen, echtzeitlichen, körperlichen Gegenwart werden begegnen dürfen. Das sind Freuden, die, wie wir leider in den vergangenen drei Jahren lernen mussten, nicht zu verschmähen sind. Ich freue mich also mit beträchtlicher Vorfreude darauf, Sie im Dezember zu sehen und mit Ihnen zusammen zu sein.

Stephen Brockmann

In finsteren Zeiten

„Mögen andere von ihrer Schande sprechen / ich spreche von der meinen.“

Bertolt Brecht, Deutschland, 1933

Das Department of Theatre Arts der Universität Tel Aviv lädt in Zusammenarbeit mit den Theaterinstituten der Hebräischen Universität Jerusalem und der Universität Haifa sowie der Israeli Association for Theatre Research zum ersten IBS-Symposium nach der Corona-Krise ein.  Wir hoffen, dass wir während des Symposiums in der Lage sein werden, im direkten Gegenüber nicht nur rückblickend über Brechts „finstere Zeiten“ nachzudenken, sondern auch über unsere eigenen zeitgenössischen Krisen – gesellschaftlich, politisch und auch moralisch.

Die Tagung wird in der besonderen Form eines ‚wandernden Symposiums‘ ein Wechselspiel aus Impulsreferaten, Panels, Workshops, Lehrformances (einer Kombination aus performativem Vortrag und interaktivem Lernspiel), Lesungen sowie einem reichhaltigen künstlerischen Programm und Ausflügen bieten.

Das 17. IBS-Symposium wird sich auf Bertolt Brechts Haltung gegenüber Rassismus, politischer Unterdrückung und Diktatur fokussieren – in einer Zeit, die er selbst als „finstere Zeiten“ (z.B. „An die Nachgeborenen“, 1939) bezeichnete. Wir wollen zudem ästhetisch-politische Reaktionen auf Ungleichheit, Ungerechtigkeit und den Entzug der Rede- und Bewegungsfreiheit in unseren eigenen „finsteren Zeiten“ erörtern und untersuchen, wie solche Antwortmöglichkeiten durch Brechts künstlerisches Vermächtnis inspiriert werden können.

Ist es unter Berücksichtigung dieser Ansätze möglich, ein brechtsches Erbe in der zeitgenössischen aktivistischen Kunst zu erkennen? Wie wird dieses Vermächtnis heute konstruiert, sowohl in der Wissenschaft als auch im künstlerischen Schaffen? Sind Brechts Theorie und Praxis immer noch beispielhaft für die Beziehungen zwischen Kunst und Ideologie und/oder zwischen künstlerischer Kreativität und politischer Aktion? Mit diesen Fragen wendet sich das Symposium an WissenschaftlerInnen , die sich mit dem Nachleben von Brechts Texten und Theaterarbeiten befassen, sowie an TheaterpraktikerInnen und -theoretikerInnen, die sich noch heute mit den Fragen auseinandersetzen, die Brecht selbst aufgeworfen hat.

Die Messingkauf-Dialoge sollen dabei den begrifflichen Rahmen für diese Diskussionen bilden. In Brechts Textfragment werden in einer Gesprächssituation, der Einladung der Schauspielerin folgend, zwischen einem Philosophen, einem Dramaturgen, einem Schauspieler und einer Schauspielerin sowie einem Beleuchter die ästhetischen, moralischen und philosophischen Merkmale sowie die materiellen Bedingungen des Theaters ergründet – ausgehend von der Annahme, dass dieses zeige, „wie Menschen zusammenleben,“ was den Philosophen interessiert. Können solche Gespräche unter Theaterleuten, die nach jeder Abendvorstellung auf der Bühne selbst stattfinden, heute noch als Modell für eine Diskussion über Theater und seine gesellschaftliche Rolle gelesen werden?

In einem Abschnitt der Dialoge, die zu Beginn des Zweiten Weltkriegs verfasst wurden, fordert Brechts Philosoph die Theaterleute auf: „Bedenkt, daß wir in einer finsteren Zeit zusammenkommen, wo das Verhalten der Menschen zueinander besonders abscheulich ist und über die tödliche Wirksamkeit gewisser Menschengruppen ein fast undurchdringliches Dunkel gelegt ist, so daß es vielen Nachdenkens und vieler Veranstaltungen bedarf, wenn das Verhalten gesellschaftlicher Art ins helle Licht gezogen werden soll.“ (BFA 22.2, 733) In solchen finsteren Zeiten, so fügt er hinzu, scheint vielen Menschen die Ausbeutung, „die mit Menschen getrieben wird […] so natürlich wie die, der wir die Natur unterwerfen“ und die „großen Kriege scheinen unzähligen wie Erdbeben, als ob gar keine Menschen dahintersteckten, sondern nur Naturgewalten, denen gegenüber das Menschengeschlecht ohnmächtig ist“ (ebd.). Sind aber Intellektuelle und Kunstschaffende einer solchen Verdunkelung der moralischen Werte „ohnmächtig“ ausgeliefert? Mitnichten, antwortete Brecht im Motto zur zweiten ‚Lektion‘ seiner Svendborger Gedichte: „In den finsteren Zeiten, / wird da auch gesungen werden? / Da wird auch gesungen werden. / Von den finsteren Zeiten.“ (BFA 12, 16). Und sein enger Freund Walter Benjamin formulierte in „Über den Begriff der Geschichte“ (1939) noch radikaler: „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ‚Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht.“ Um unsere Position im Kampf gegen den Faschismus zu verbessern, so Benjamin, „wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen“ (GS I.2, 697).  Da mag man die Frage wagen: Kann Theater das erreichen – und wenn ja, wie?

Hat Brecht diese Haltung auch in seinem eigenen Werk praktiziert? Und was können wir heute noch von ihm lernen, wenn wir das „Verhalten der Menschen zueinander“ in der Gegenwart beobachten und darstellen? Dies sind nur zwei der grundlegenden Fragen, mit denen sich das 17. IBS-Symposium  befassen wird. Neben Diskussionen über Brechts eigenen Widerstand gegen Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Gewalt – genauso wie über die Fälle, in denen er zumindest aus heutiger Sicht seine Stimme nicht genügend erhob – wird das Symposium in Vorträgen, Panels, Workshops und Theaterproduktionen sein Nachleben bis in die heutige Zeit nachverfolgen. Im ‚Geiste‘ der Messingkauf-Dialoge wird es auch Workshops geben, in denen ausgewählte Texte von Brecht studiert werden – um insbesondere bei jüngeren Forschern und Theaterpraktikerinnen das Interesse an seiner Theorie und Praxis erneut zu wecken.

Die Wahl Israels als Veranstaltungsort für das erste IBS-Symposium nach Anfang der Corona-Krise – in der Metropole Tel Aviv, der ersten hebräischen Stadt – bringt all die Spannungen zum Ausdruck, die diese Themen aufwerfen: in einem Land, das ursprünglich auf der Idee gegründet wurde, die Dinge nach dem Zweiten Weltkrieg „in Ordnung zu bringen“; einer Idee, die ihrerseits neue Ungerechtigkeiten geschaffen hat, während Israel parallel noch immer mit der realen oder imaginären Bedrohung des eigenen Untergangs konfrontiert ist.

Die Tagung  wird den besonderen Charakter eines ‚wandernden Symposiums‘ zwischen den drei großen universitären Theaterinstituten in Tel Aviv, Jerusalem und Haifa haben.  Die Universität Tel Aviv wird zwei Tage des Symposiums ausrichten – einschließlich der Registrierung und der Eröffnungszeremonie –; jede der Schwesterfakultäten einen weiteren Tag (Haifa am 13. Dezember, Jerusalem am 15. Dezember). Das Programm an jedem Ort – angepasst an die Ausrichtung des jeweiligen Fachbereichs und der Stadt – umfasst einen Keynote-Vortrag, Panels, Workshops, eine Round Table-Diskussion sowie ein abwechslungsreiches künstlerisches Programm. Das Programm in Tel Aviv und Haifa wird im Rahmen der zeitlichen Möglichkeiten jeweils eine kurze Stadtrundfahrt beinhalten.  Ein ganztägiger Ausflug in Jerusalem (am 16. Dezember) wird das Symposium abrunden.

Wir möchten das Studium und die Forschung zu Brecht fördern und begrüßen daher die Teilnahme von fortgeschrittenen Studierenden und angehenden Forschenden. Dies wird unter anderem durch unser künstlerisches Programm unterstrichen, welches einen von Brechts faszinierendsten Texten umfasst –Antigone, in der Inszenierung Ira Avneris; die aktivistische Protest-Aufführung Making a Revolution von Einat Weizman am Theater Jaffa; und eine kurze, von Gad Kaynar-Kissinger inszenierte Aufführung von Brecht-Gedichten durch Schauspielstudierende der Universität Tel Aviv.